Merlins Bart!

Merlin kennt jeder – und Richard Löwenherz wahrscheinlich auch (Robin Hoods angebliche Geschichte ist ja nun auch schon ein paarmal verfilmt worden). Da müsste doch was zu machen sein, dachte sich offenbar der ZYX-Hörbuchverlag (genau, ein Ableger des bekannten Musiklabels) und engagierte Richard J. Lionheart, Ph.D. (Pseudonym oder nicht, das ist hier die Frage) für eine neue Serie über das Thema Zeitreisen, deren ersten Teil ich mir – dank der Vermittlung von BloggDeinBuch.de – als Rezensionsexemplar anhören durfte. Das Ganze macht richtig Spaß, was meiner Meinung nach nicht einmal so sehr der locker-flockigen, aber nicht ganz klischeefreien Schreibe des Autoren zu verdanken ist, sondern woran der offenbar hochmotivierte und talentierte Sprecher Jürgen Fritsche Hauptanteil hat. Er bringt nicht nur einen lebendigen Erzähler aufs Tapet, sondern verleiht auch den einzelnen Personen (allen voran dem fast etwas arg selbstbewussten Welt- und Zeitbürger Merlin) stimmlich Charakter – wenn er vielleicht kein Rufus Beck ist, es macht wirklich Freude, ihm zuzuhören.
Die Altersempfehlung spricht von „8-88 Jahren“, und in der Tat handelt es sich eher um ein Hörspiel für Kinder als für Erwachsene. Das hinderte mich nicht daran, es dennoch amüsant zu finden, weil es – ganz passend zur heutigen Remix-Kultur – einige bekannte Figuren zu einem neuen Geschichte(n)-Cocktail zusammenmischt. Ab und an werden auch „Kinder der 80er“ sich ganz speziell angesprochen fühlen, etwa wenn Merlin feststellt: „Houdini? David Copperfield? Rumburak? Gandalf? Ha, alles Amateure! Na ja, Gandalf war nicht ganz untalentiert. Hatte irgendwie Stil. Aber dennoch: nicht meine Liga.“ – ob wohl die „Märchenbraut„-Serie unter den heutigen Kids immer noch so viele Fans hat wie in meiner Generation, dass sie noch von Rumburak gehört haben?
Der Hauptpunkt ist natürlich das Durchstreifen der (Welt-)Geschichte, und wenn man dabei auch noch ein paar tatsächliche historische Fakten lernt, umso besser. Anteil daran hat auch das ausführliche Begleitbüchlein (neudeutsch „CD-Booklet“), wo man verschiedene Daten und Personeninfos nochmals nachlesen kann (für die jüngere Zielgruppe sollte man vielleicht über eine Großdruck-Ausgabe nachdenken, aber dann würde besagtes Büchlein wohl zu dick).  Lobenswert finde ich, dass man – obwohl man wohl nicht umhin kam, einen englischen Zauberer als Hauptperson zu wählen und die Legende von Robin Hood zumindest per Anspielung im Autorennamen zu streifen – tatsächlich zuallererst in die deutsche Vergangenheit reist, nämlich zu (Vorsicht, schon wieder ein Wortspiel) Rheinhardt von Rüdesheim in die Zeit des 30jährigen Krieges, statt der Versuchung zu erliegen, in der Hoffnung auf ein internationaleres Publikum die sattsam bekannten anglo-amerikanischen Volkssagen und Historien zum x-ten Mal neu zu interpretieren. Nebenbei werden hier natürlich auch Grundzüge von Zeitreisetheorien gestreift – hier mag sich der in Zeitreisedingen erfahrene Hörer ein wenig langweilen, schließlich hört er höchstwahrscheinlich nicht zum ersten Mal vom Großvater-Paradox oder ähnlichen Problemen. Nehme ich das Hörspiel aber für das, was es ist – eben für ab 8-jährige geeignet – kann ich mir gut vorstellen, eines Tages damit meine(n) zukünftigen (!) Sohn/Tochter zum ersten Mal mit meinem Lieblingsthema zu konfrontieren. Wenn ich dem Werk also hier volle Punktzahl (5 Sterne) gebe, bleibt das als caveat emptor durchaus stehen: Nicht mit Erwachsenen-Maßstäben messen; natürlich ist die Idee nicht die allerneueste (daher meine Überschrift: es hat einen gewissen „Bart“)… Und ich bin ja immer noch eher ein Fan der Techno-Variante „Unterwegs nach Atlantis„, wo nicht etwa mit Pseudo-Magie und dreimal schwarzem Kater (bzw. „Tempus fugit, hora ruit, time travel is easy, you just have to do it“, wie Merlin mit bemühtem englischen Akzent eine Kreuzung aus Doctor Who und Harry Potter gibt) zeitgereist wurde, sondern mit einer handfesten UFO-artigen Zeitmaschine.
Aber egal – ich bin schon sehr gespannt auf die angekündigte(n) Fortsetzung(en), vor allem auch der digitalen Art: Zusätzlich zu den Episoden will ZYX auch in den sozialen Medien die Interaktion mit seinen Hörspielgestalten ermöglichen und auch gelegentlichen „exclusive content“ wie Interviews mit den Figuren, Kreativ-Wettbewerbe zur Mitgestaltung der Episoden etc. zur Verfügung stellen, wie zu erfahren ist.

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